Erster Weltkrieg

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Walther Rathenau
 

 

 

1. Weltkrieg

Am 01. August 1914 erklärte Deutschland an Russland, am 03. August an Frankreich den Krieg. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in das neutrale Belgien trat am 04. August Großbritannien in den Krieg gegen das Deutsche Reich ein. Die Kriegshandlungen begannen am 2. August  ohne offizielle Kriegserklärung mit der Besetzung Luxemburgs durch deutsche Truppen.

Von Kriegsbegeisterung war in Rathenaus Äußerungen zu Beginn des Ersten Weltkrieges nichts zu spüren.

"Wäre nicht das Volk ungebrochen, hoffnungsvoll und unschuldig, so wagte ich es nicht, in die Zukunft zu blicken.... Nur meine Arbeit erhält mich, aber sie verzehrt mich auch. Ich bin in fünf Monaten alt geworden. Woran soll ich noch Anteil nehmen? Alles ist Schatten und Traum."  

Thiel, Rudolf: Die Generation ohne Männer, Berlin 1932, Seite 235

Dennoch suchte Rathenau politische Einwirkung, insbesondere durch seine Denkschriften, die er nicht nur an den Reichskanzler Bethmann Holleg sondern auch an Ludendorff schickte. Dieser zeigte sich interessiert an Rathenaus Reflexionen und im November 1915 besuchte Rathenau ihn mit Felix Deutsch in seinem Hauptquartier in Kowno bei Wilna.

Rathenau hielt Ludendorff für außerordentlich bedeutend:

"Ich empfand, daß er der Mann war, der uns, wo nicht zum Siege, so doch zu einem ehrenvollen Frieden führen könnte, und gesellte mich von diesem Tage an zur Zahl derer, die alles, was in ihrer Kraft stand, taten, um ihm den Weg zur Obersten Heeresleitung zu ebnen." 

Ernst Schulin: Walther Rathenau: Repräsentant, Kritiker und Opfer seiner Zeit; Göttingen, Zürich 1992, Seite 86, 87

Ende August 1916 übernahmen Hindenburg und Ludendorff die Oberste Heeresleitung. Ab diesem Moment setzte auch die briefliche Beratung Rathenaus ein.

In der Somme-Schlacht wurde die Materialüberlegenheit der Westmächte sichtbar, die Hindenburg und Ludendorff durch eine Steigerung der Waffen- und Munitionserzeugung um das Doppelte und Dreifache und die Stärkung des Heeres ausgleichen wollten. Rathenau unterstützte das Hindenburg-Programm und organisierte durch Schweizer Kontakte die Kriegsgesellschaft Metallum A.G. in Bern, über die er Zündteile, Autos und Flugzeuge erhielt. In weiteren Vorschlägen zur Unterstützung der deutschen Kriegsführung zeigte er sich wenig empfindlich. So wollte er zum Beispiel 700 000 belgische Arbeiter dem heimischen Markt zuführen, d.h. deportieren "ohne Rücksicht auf internationale Prestigefragen" 

Kruse, Wolfgang: Kriegswirtschaft und Gesellschaftsvision: Walther Rathenau und die Organisierung des Kapitalismus, in: Wilderotter, Hans (Hrsg): Die Extreme berühren sich (Walther Rathenau 1867-1922); Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums in Zusammenarbeit mit dem Leo Beck Institut, Seite 160, siehe auch Anmerkung 43, Seite 168

Kritisch äußerte sich Rathenau zu der Wiederaufnahme des von Hindenburg und Ludendorff favorisierten und 1917 beschlossenen uneingeschränkten U-Boot-Krieges. Er fürchtet die Folgen eines Kriegseintritts Amerikas und glaubte nicht, daß der für ihn entscheidende Kriegsgegner England innerhalb eines Jahres um Frieden bitten würde.

"Der U-Bootkrieg gleicht darin dem Sprunge über eine eine Kluft, daß er nur gelingt, wenn er mit 100% gelingt; bei 99% ist er verloren."

Ernst Schulin, s.o., Seite 88

Rathenau war in seinen Prognosen und Prophezeiungen, die den Kriegsverlauf und Ausgang betrafen, äußerst pessimistisch. Der Schriftsteller Stephan Großmann erinnerte sich an Gespräche in der Deutschen Gesellschaft im Sommer 1917, die um dieses Thema kreisten " dann blieb der so beredte Mund Rathenaus wie zugesperrt. Er konnte zuweilen fürchterlich schweigen. Ging man abends mit ihm durch den düsteren menschenleeren Grunewald, so pflegte er, der größere, gewöhnlich seinen Arm väterlich herablassend auf die niedere Schulter des anderen zu legen, und dann flossen in der nächtlichen Stille furchtbare Geständnisse absoluter Hoffnungslosigkeit aus seinem Mund. Er hatte die Wirkungen des U-Bootkrieges mit dem Bleistift in der Hand ausgerechnet und den Eintritt Amerikas vorausgesagt. Vom Sommer 1917 an rechnete er mit einer Niederlage als einer unausweichlichen Tatsache, und er suchte sich über die entsetzliche Gegenwart hinwegzuhelfen, inden er sich, schon ehe der Zusammenbruch da war, mit dem Problem des Wiederaufbaus beschäftigte."  

Ernst Schulin, a.a.O.,  Seite 91

Im September 1918 war die militärische Lage für Deutschland und seine Verbündeten so aussichtslos, daß Ludendorff eine sofortige Regierungsumbildung und Beendigung der Kämpfe verlangte.

Am 3. Oktober 1918 wurde Prinz Max von Baden Reichskanzler, am 04. Oktober 1918 bat er um Waffenstillstand.

Rathenau dagegen verlangte in Zeitungsartikeln Festigkeit:

" Wir haben unser unberührtes Land, unser Herr, unsere Versorgung und unsere Rüstung. Das übrige hängt vom Willen ab. Ist das ein Grund zur Besorgnis?"  

Ernst Schulin, a.a.O., Seite 93

"Was ist geschehen? Die westliche Front ist eingebuchtet, im Osten sind Verluste entstanden. Was weiter? Es ist eine Hoffnung zerstört: die Hoffnung, durch den Besitz von Calais oder Paris den Frieden in diesem Jahr zu erzwingen. War das eine Hoffnung? Es war eine kurzsichtige, unpolitische Illusion. Der Krieg mit See- und Überseemächten wird nicht durch die Lage Frankreichs entschieden. Kein englischer Minister hätte aus Verzweifelung über Frankreichs Schicksal sich ergeben.... Ein für allemal: wir halten den Krieg beliebig lange aus, an Rohstoff, Nahrung, Menschenzahl, Kraft und Willen, mit mehreren, mit wenigen, mit keinen Genossen."  

Thiel, Rudolf, a.a.O., Seite  238

Am 07. Oktober 1918 rief Rathenau nach dem deutschen Waffenstillstandsgesuch in der Vossischen Volkszeitung zum Volkswiderstand auf:

"Ein dunkler Tag"

"Der Schritt war übereilt. Wir alle wollen Frieden. Wir, die wenigen, haben gemahnt und gewarnt, als keine Regierung daran dachte, der Wahrheit in Auge zu blicken. Nun hat man sich hinreißen als, im unreifen Augenblick, im unreifen Entschluß. Nicht im Weichen muß man Verhandlungen beginnen, sondern zuerst die Fronten befestigen.... Hat man das übersehen? Wer die Nerven verloren hat, muß ersetzt werden... Wir wollen nicht Krieg, sondern Frieden. Doch nicht den Frieden der Unterwerfung."  

Thiel, Rudolf, a.a.O., Seite  260

 

Zwei Wochen nach der Note des amerikanischen Präsidenten, der die Annahme des Waffenstillstandes nur unter der Bedingung annehmen wollte, daß die Wiederaufnahme des Krieges ausgeschlossen bliebe, erließ die Oberste Heeresleitung ohne Absprache mit der Reichsregierung einen Armeebefehl mit Aufruf zum Widerstand. Die Folge war die Entlassung Ludendorffs.

Rathenau, der sich bereits während des Krieges mit der Gestaltung der Nachkriegswirtschaft befaßte, entwickelte in den letzten Kriegstagen Vorschläge zur Organisation der Demobilisierung.

Darin empfahl er u.a. , bestimmte Kontingente von Soldaten zu entlassen, je nach politischer Zuverlässigkeit und ökonomischer Bedeutung. Für den verbleibenden Restbestand der hochgradig unzuverlässigen Soldaten, circa 2-4 Millionen, fordert er eine dauerhafte Militarisierung und Zwangsarbeit. 

Kriegsrohstoffversorgung

Seine eigentliche Aufgabe zur Unterstützung der deutschen Kriegsführung fand Rathenau in der Entwicklung und Leitung der Kriegsrohstoffversorgung im preussischen Kriegsministerium vom 13. August 1914 bis 31. März 1915.

Der Erste Weltkrieg mobilisierte nicht nur Heere in Millionenhöhe, sondern forderte für die Aufrechterhaltung und Fortführung des Krieges eine große Menge an Rohstoffen. Militär und Regierung waren aufgrund des Schlieffen Planes nur auf einen kurzen Krieg vorbereitet. Da Deutschland durch die englische Seeblockade zudem im hohen Maße vom Weltmarkt abgeschnitten war, bestand in Deutschland bereits sehr früh ein Bewußtsein über die Notwendigkeit, den Rohstoffnachschub insbesondere von Edel- und Nichteisenmetallen, Salpeter, Spinnstoffen und Baumwolle zu organisieren. So schlossen sich zum Beispiel die rivalisierenden industriellen Dachverbände ZDI und BDI am 8. August 1914 zu einem Kriegsausschuß der deutschen Industrie zusammen, um kriegswirtschaftliche Probleme zu lösen. Weitere Maßnahmen führte das Reichsamt des Innern mit der Reichseinkaufs GmbH zur Organisierung der Lebensmitteleinfuhr durch. Auch Nationalökonomen der Berliner Universität setzten sich mit der Rohstoffproblematik als " schlimmste Gefährdung der Industrie" auseinander.

Rathenau, der "wirtschaftliche Generalstabchef hinter der Front"  initiierte und leitete bereits wenige Tage nach Kriegsbeginn, ab 13. August 1914 im preußischen Kriegsministerium die Kriegsrohstoffabteilung, die innerhalb kürzester Zeit von einem fünfköpfigen Gremium zu einer Behörde mit circa 2500 Beschäftigen heranwuchs. Ohne diese Abteilung wäre Deutschland kaum in der Lage gewesen, den Krieg länger als ein halbes Jahr zu führen.

Unter Rathenaus Leitung wurde sie zudem " unbestreitbar die erfolgreichste Wirtschaftsorganisation, die während des Krieges in Deutschland geschaffen wurde."

Kruse, Wolfgang, a.a.O, Seite 152

In seiner Denkschrift an den Kriegsminister Erich von Falkenhayn nahm Rathenau den Vorschlag Moellenhoffs auf, die Rohstoffbewirtschaftung staatlich gelenkt und zentralisiert zu organisieren. Somit entstand eine "Mischung aus staatlichem Dirigismus und industrieller Selbstverwaltung in den Kriegsrohstoffgesellschaften."

 

Kriegsminister v. Falkenhayn

Wichard von Moellendorff

Die kriegswichtigen Rohstoffe wurden zunächst von der Kriegsrohstoffabteilung beschlagnahmt und in einem weiteren Schritt Kriegsrohstoffgesellschaften zur Verwaltung übertragen.

So entstanden circa 200 Wirtschaftsbereiche, teilweise Aktiengesellschaften, teilweise GmbH´s.

Die unternehmerische Selbstverwaltung und Initiative wurde weitgehend beibehalten, aber "syndiziert und unter die Oberaufsicht staatlicher Kommissare mit einem Vetorecht im Aufsichtsrat" gestellt. 

Kruse, Wolfgang, a.a.O., Seite 154 

In vielen Bereichen bestanden bereits vor Kriegsbeginn große Wirtschaftsverbände, Kartelle und Syndikate, so daß diese Monopole nur noch staatlich als Kriegsrohstoffgesellschaft autorisiert werden mußten.

Konkurrierende Unternehmen standen so als organisierte Vertretung unter der regulierenden Aufsicht des Staates.

Obwohl die Monopol-Gesellschaften gemeinnützig waren und keine Gewinne erwirtschaften durften, ergaben sich dennoch für sie große Profitmöglichkeiten, u.a. durch den Erwerb der Aktienmehrheit, die Besetzung führender Positionen in den Gesellschaften, die eigenständige Regulierung der Einkaufspreise und Distribution an die Produzenten. 

Mit der Rohstoffbewirtschaftung bewies Rathenau, daß industrielle Selbstverwaltung unter staatlicher Kontrolle funktionieren kann.

Rathenau trat am 31. März 1915 von seinem Posten als Leiter der Kriegsrohstoffabteilung zurück.

Es wurde ihm vorgeworfen, privatwirtschaftliches Interesse und öffentliches Engagement nicht genügend auseinanderzuhalten (Rathenau war nach wie vor Aufsichtsratsvorsitzender der AEG).

Der Zentrumsabgeordnete Erzberger hielt es "prinzipiell für verkehrt, daß jemand staatliche Funktionen ausübe, und gleichzeitig in der Industrie tätig sei." 

Kruse, Wolfgang, a.a.O.,  Seite 163 

Philipp Scheidemann (SPD) äußerte sich ebenfalls kritisch:

"Auffällig sei, daß die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft Bestellungen auf Granaten in großem Umfang bekomme, sie aber nicht selbst ausführe, sondern die Lieferung weitergebe und sich nur sehr erheblich am Gewinn beteilige. Rathenau kommt für die Kriegs-Rohstoff-Gesellschaft als kaufmännischer Ratgeber in Betracht. Hoffentlich empfiehlt er der Gesellschaft nicht das Verfahren, das die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft bei den Granatenaufträgen anwende." 

Kruse, Wolfgang, a.a.O., Seite 163 

Ein weiterer Grund für den Rücktritt war unter anderem seine Enttäuschung, nicht zum Staatssekretär im Reichsschatzamt berufen worden zu sein. Rathenau blieb nach dem Rücktritt jedoch weiterhin Kommissar der zum Kriegsministerium gehörenden Kriegs-Metallum-AG.

 

Literatur: Ernst Schulin: Walther Rathenau: Repräsentant, Kritiker und Opfer seiner Zeit; Göttingen, Zürich 1992

Hellige, Hans Dieter, Ernst Schulin (Hrsg): Walther Rathenau Maximilian Harden: Briefwechsel 1897-1920; Rathenau Gesamtausgabe  Band IV, München 1983

Hellige, Hans Dieter, Ernst Schulin (Hrsg): Walther Rathenau: Hauptwerke und Gespräche; Rathenau Gesamtausgabe  Band II, München 1977

Wilderotter, Hans (Hrsg): Die Extreme berühren sich (Walther Rathenau 1867-1922); Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums in Zusammenarbeit mit dem Leo Beck Institut

Thiel, Rudolf: Die Generation ohne Männer, Berlin 1932

 

 

 

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